Umgangsformen gestern und heute

Manieren bezeichnen den Umgang miteinander, werden daher auch Umgangsformen genannt. „Der Mensch hat keine Manieren“ bedeutet so viel wie „er benimmt sich schlecht“. Das kann sich darauf beziehen, dass er nicht weiss wie man ein Messer richtig hält oder aber auch, dass er sich schlicht unhöflich gibt.

Manieren umfassen also ein weites Gebiet des Benehmens. Dabei spielen auch kulturelle Hintergründe eine Rolle. Da in Österreich Kaiser Franz Josef seine Hühnerbeine in die Hände nahm und abzunagen pflegte, gilt es dort als absolut hoffähig dergleichen ebenfalls zu tun – in anderen Ländern ein absolutes No Go. Eine islamische Moschee mit Schuhen zu betreten ist schon mehr als schlechte Manieren. In einer katholischen Kirche bedeutet Schuhe zu tragen ein Mindestmaß an Respekt.

Ganz abgesehen von kulturellen und auch geografischen Unterschieden spielt auch die Zeit eine große Rolle. So hieß es Ende des 15. Jahrhunderts:

Teilst du das Bett mit einem Mann höheren Standes, frage ihn, welche Seite er vorzieht.


Lieg gerade im Bett und biete ihm gute Nacht.

Und auch noch 1672 benahm man sich anders als heute:

Früher war es erlaubt, vor hochgestellten Personen auf den Boden zu spucken; es genügte den Fuß darauf zu setzen. Heute ist das eine Unanständigkeit.

Erasmus von Rotterdam

Zahlreiche Benimm-Regeln sind aus dem 16. Jahrhundert überliefert, vor allem aus der Feder des Erasmus von Rotterdam. Hier einige Beispiele:

* Bevor du dich zu Tisch setzt, sieh nach, ob dein Sitz nicht verunreinigt ist.
* Grif ouch niht mit blozer hant dir selben under din gewant.
* Es ist unhöflich, jemanden zu grüßen, der gerade uriniert oder den Darm entleert.
* Ein wohlerzogener Mensch soll sich nie dazu hergeben, die Glieder, mit denen die Natur das Gefühl der Scham verband, ohne Notwendigkeit zu entblößen. *Wenn die Notwendigkeit dazu zwingt, muß man es mit Dezenz und Reserve tun, selbst dann, wenn kein Zeuge zugegen ist.
* Wenn die Winde beim Entweichen kein Geräusch machen, ist es am besten. Es ist aber gesünder, sie mit Geräusch entweichen zu lassen, als sie unter Zwang zurückzuhalten. Es ist nämlich gefährlich und kann Krankheiten auslösen, sie zurückzuhalten.
* Schneuz nicht die Nase mit der gleichen Hand, mit der du das Fleisch hältst.
* Wenn etwas aus der Nase auf den Boden fällt, muß man es mit dem Fuß sofort zertreten.
* Wenn du ausspuckst, wende dich ab.

Auch die Erziehung junger Menschen war Erasmus ein Anliegen. Nachzulesen bei „Über Knabenerziehung“ von 1530:

* Reinige und schneide dir die Nägel, der Schmutz ist beim Kratzen gefährlich.
* Was du im Munde gehabt hast, lege nicht in die gemeinsame Schüssel zurück.
* Biete nicht jemandem von dem Stück an, von dem du abgebissen hast.
* Sitzt du mit Menschen von Rang zu Tisch, nimm den Hut ab, aber sieh, daß du gut gekämmt bist.
* Manche greifen, sowie sie sitzen, auf die Schüsseln. Wölfe tun das.
* Die Finger in die Sauce zu tauchen ist bäurisch.
* Die fettigen Finger abzulecken oder am Rock abzuwischen, ist unzivilisiert. Man nimmt dazu besser das Tischtuch oder die Serviette.

Zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts

Auch die „Galateo“ des Erzbischofs von Benevent aus 1558 gibt Einblicke in die Manieren der damaligen Zeit:

Es gehöret sich auch nicht, wenn du die nase gewischt hast, daß du das schnupftuch auseinander ziehest und hineinguckst, gleich als ob dir perlen und rubinen von gehirn abfallen mögen.

Über das stehet es einem sittsamen, erbahrn mensch nicht an, daß er sich zu natürlicher notdurft in anderer Leute gegenwertigkeit rüste und vorbereite oder nachdem er solches verrichtet, sich in ihrer gegenwertigkeit wiederum nestele und bekleide. So wird auch ein solcher nach seiner aus heimlichen orten wiederkunft für ehrliche gesellschaft die hände nicht waschen, nach dem die ursache darumb er sich wäschet der leut gedancken eine unfläterey für die augen stellt. Ist auch eben umb derselbigen ursach willen keine feine gewohnheit, wenn einem auf der gassen etwas abscheuliches, wie es sich wol bisweilen zuträgt, fürkommet, sich seinem Begleiter zuzuwenden und ihn darauf aufmerksam zu machen.

Ähnliches findet sich auch in der Wernigerode Hofordnung. Da heißt es:

Daß nit männiglich also unverschämt und ohne alle Scheu, den Bauern gleich, die nit zu Hof oder bei einigen ehrbaren, züchtigen Leuten gewesen, vor das frauenzimmer, Hofstuben und anderer Gemach Thüren oder Fenster seine Notdurft ausrichte…

Wernigerodische Hofverrichtung, 1570

Abschließende Worte

Alles in allem fällt aber auf, dass manches auch heute noch vorkommt und verbessert werden könnte. Der Umgang miteinander ist tatsächlich die kostengünstigste Möglichkeit anderen Respekt zu erweisen. Das beginnt bei einer gewissen Höflichkeit, die man anderen und besonders Unterlegenen, erweisen sollte und endet mit den Tischmanieren.

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Amüsantes Buch über Manieren
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Titelbild: Tethart Haag – Orang Utan Erdbeeren fressend

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